Jean Ribéreau-Gayon als junger Chemiker (Studioporträt)
Jean Ribéreau-Gayon in jungen Jahren
1905 – 1991

Jean Ribéreau-Gayon

Chemiker, Önologe und Hochschullehrer

Von der Fachwelt der „Vater der modernen Önologie“ genannt. Ab den 1930er-Jahren verband er die Weinbereitung erstmals systematisch mit den Grundlagenwissenschaften und machte die Önologie zur eigenständigen Universitätsdisziplin. Von 1938 an war er Eigentümer der Domaine aux Conseillans — heute Heimat von LaSuite aux Conseillans.

Herkunft und Familie

Ribéreau-Gayon entstammte einer Bordelaiser Forscherfamilie. Sein Großvater mütterlicherseits, der Chemiker Ulysse Gayon, war Schüler und Assistent von Louis Pasteur, Mitentwickler der Bouillie bordelaise gegen den Falschen Mehltau und langjähriger Direktor der Station agronomique et œnologique. Aus der Ehe von Gayons Tochter Madeleine mit Daniel Ribéreau gingen vier Söhne hervor — Jean wurde Professor und Önologe. Weil Ulysse Gayon keine männlichen Nachkommen hatte, wurde der Familienname 1931 amtlich in „Ribéreau-Gayon“ geändert, um den Namen Gayon zu bewahren. Jeans Sohn Pascal Ribéreau-Gayon (1930–2011) führte das Werk später fort.

Ausbildung

1925/26 wurde Ribéreau-Gayon Ingenieur-Chemiker der École de Chimie de Bordeaux — jener Schule, die sein Großvater 1891 mitbegründet hatte — und licencié ès sciences. 1931 promovierte er mit einer Arbeit über die Oxidations- und Reduktionsvorgänge im Wein. Wie präzise seine Methoden waren, zeigte sich Jahrzehnte später: Eine Nachmessung an der Universität Bordeaux (1989) kam mit moderner Technik zu praktisch denselben Werten wie er 1931.

Maison Calvet (1927–1947)

Seine Laufbahn begann 1927 als Laborleiter des großen Bordelaiser Handelshauses Calvet. Firmenchef Jean Calvet war weitsichtig genug, einen wissenschaftlich ausgebildeten Chemiker neben die erfahrenen Kellermeister zu stellen. Ribéreau-Gayon klärte die Ursachen der gefürchteten Weintrübungen und schuf die Grundlagen ihrer Vermeidung — seine Arbeiten trugen zur Zulassung der Behandlung gegen die Eisentrübung und zur Einführung der Bentonit-Schönung bei. So sicher wurde die Stabilität der Weine, dass das Haus seine Fässer mit dem Hinweis auslieferte, man möge dem Wein nichts mehr hinzufügen.

Um sich für die Forschung freizuspielen, holte er einen fünfzehnjährigen Laborgehilfen ins Haus: Émile Peynaud, der bei ihm alles lernte, was die Schule ihm nicht hatte bieten können, und später zu einem der berühmtesten Önologen der Welt wurde. Aus dieser Begegnung wurde eine über fünfzig Jahre währende Zusammenarbeit.

Station und Institut d’Œnologie

1949 übernahm Ribéreau-Gayon die Leitung der Station agronomique et œnologique — jener Einrichtung, die einst sein Großvater zur Blüte geführt hatte und die er in beklagenswertem Zustand vorfand. Er baute sie mit Nachdruck neu auf, warb Mittel ein und formte leistungsfähige Teams; die Forschungsabteilung übertrug er Émile Peynaud.

Parallel verfolgte er die akademische Laufbahn: 1958 wurde er Inhaber einer Professur, die als erste an einer französischen Universität das Wort „œnologie“ im Titel trug. 1957 gründete er die École supérieure d’œnologie, aus der 1963 das Institut d’Œnologie der Universität Bordeaux hervorging. Nach der Hochschulreform von 1968–1970 führte er das Institut bewusst in die Université Bordeaux 2 und sicherte ihm damit einen eigenständigen Status.

Wissenschaftliches Werk

Seine Forschung reichte von der Physikochemie des Weins bis zur Mikrobiologie der Gärungen. Als Pionier trug er — gemeinsam mit Émile Peynaud — entscheidend dazu bei, die alkoholische von der malolaktischen Gärung zu unterscheiden und ihre Bedeutung für die Rotweinbereitung zu erschließen. Sein Werk umfasst über dreihundert Publikationen; das mit Peynaud verbundene Traité d’œnologie (erstmals 1947) wurde zum internationalen Standardwerk und in mehrere Sprachen übersetzt. Mit den Cours et exercices pratiques d’œnologie und seiner Mitwirkung am Diplôme national d’œnologue (1955) prägte er zudem die Ausbildung ganzer Generationen.

Les Conseillans

1938 erwarb Ribéreau-Gayon die Domaine aux Conseillans in Saint-Caprais-de-Bordeaux und machte sie zu seinem Versuchsgut: Im Gärkeller wurde Wein bereitet, im Gang dahinter lag das Labor; auch Émile Peynaud arbeitete hier. 1975 wurde das Gut auf sein eigenes Betreiben als „Site classé“ unter Schutz gestellt — die Chartreuse aus dem späten 18. Jahrhundert und der Park mit seinem alten Baumbestand. Er blieb dem Ort bis zu seinem Tod verbunden; in Familienbesitz blieb das Gut bis 1996. Wie dieses Erbe bis heute in die Weine wirkt, erzählt die Seite Das Erbe der Önologen.

In diesen fünfzig Jahren hat die Önologie mehr Fortschritte gemacht als in den dreitausend Jahren zuvor.

Der Rektor der Universitäten Aquitaniens, zum fünfzigjährigen Arbeitsjubiläum von Jean Ribéreau-Gayon und Émile Peynaud — Grand Théâtre de Bordeaux, 1977

Jean Ribéreau-Gayon in seinen letzten Jahren
Jean Ribéreau-Gayon in seinen letzten Jahren

Persönlichkeit

Weggefährten schildern ihn als zurückhaltend und bescheiden, zugleich außerordentlich beharrlich — Eigenschaften, ohne die sein Aufbauwerk kaum gelungen wäre.

Tod und Nachwirkung

Jean Ribéreau-Gayon starb am 25. Januar 1991, wenige Wochen vor seinem 86. Geburtstag; er ist in Saint-Caprais bestattet. Émile Peynaud würdigte seinen Lehrer im Nachruf als „le fondateur de l’œnologie moderne“. Sein Ansatz — die enge Verzahnung von Grundlagenforschung und Kellerpraxis — prägt die „École bordelaise d’œnologie“ bis heute.

Medaille „Professeur Jean Ribéreau-Gayon“
Die zu seinen Ehren geprägte Medaille „Professeur Jean Ribéreau-Gayon“
Wirken & Anerkennung

Ehrungen & Ämter

Ämter, die er aufbaute, und Auszeichnungen, die sein Werk anerkannten.

  • 1963Institut d’Œnologie de BordeauxGründer
  • 1958Professur mit „œnologie“ im TitelErste ihrer Art in Frankreich
  • ab 1949Station agronomique et œnologiqueDirektor
  • 1977IIIᵉ Symposium international d’œnologiePräsident, Bordeaux
  • OfficierLégion d’honneurStaatliche Auszeichnung
  • OfficierOrdre national du MériteStaatliche Auszeichnung
  • MitgliedAcadémie d’agriculture de France
  • MitgliedAcadémie des sciences, belles-lettres et arts de BordeauxBordeaux

Werke (Auswahl)

  • Contribution à l’étude des oxydations et réductions dans les vins (Thèse, 1931)
  • Traité d’œnologie (mit É. Peynaud; erstmals 1947, mehrere Auflagen und Übersetzungen)
  • Analyse et contrôle des vins (mit É. Peynaud, 1947)
  • Traité d’ampélologie — Sciences et techniques de la vigne / du vin (mit É. Peynaud)
  • Problèmes de la recherche scientifique et technologique (1972)

Quellen

Pascal Ribéreau-Gayon, L’histoire de l’œnologie à Bordeaux (Dunod). — Nachrufe 1991: Sud-Ouest; La Journée Vinicole; Revue française d’Œnologie Nr. 130 (Pierre Sudraud); Annuaire des Œnologues 1991. — Émile Peynaud, Le vin et les jours (Dunod, 1988). — Dokumente der Domaine Les Conseillans (Präfektur 1974–1976, DREAL). — Normdaten: BnF, IdRef, Wikidata (Q92944755).

Der Ort

Wie dieses Erbe bis heute in die Weine von LaSuite aux Conseillans wirkt, erzählt die Seite über die Domaine.