ANWENDUNG & KONTEXT

Weinsprache verstehen

Auf dem Rückenetikett steht „samtige Tannine, mineralische Frische, ein langer Nachklang“, und für einen Moment klingt das, als wüsste man jetzt, wie der Wein schmeckt. Eine Verkostungsnotiz ist aber die Beschreibung eines Weins zu einem bestimmten Moment, in einem geteilten und zugleich ungenauen Vokabular — sie zeichnet eine Karte und fällt kein Urteil. Wer sie gut liest, trennt die wenigen überprüfbaren Angaben von den vielen Bildern, die nur eine Richtung andeuten.

Was sich nachprüfen lässt — und was ein Bild bleibt

Manche Wörter einer Notiz zeigen auf etwas, das jeder am Wein selbst nachprüfen kann. Ob ein Wein trocken ausgebaut ist oder eine Restsüße trägt, wie viel Säure ihn frisch hält, wie spürbar der Gerbstoff ist, wie hoch der Alkohol liegt und wie lange der Nachklang steht — auf solche Angaben einigen sich zwei Verkoster meist, weil sie an gut beschreibbaren Eigenschaften hängen. Gerade diese Wörter überstehen den Wechsel von einem Verkoster zum nächsten am ehesten. Daneben steht der größere Teil einer Notiz: „samtig“, „mineralisch“, „Waldboden“, „reife Kirsche“. Das sind Übersetzungen eines persönlichen Eindrucks in ein Bild, und ein Bild hilft weiter, ohne verbindlich zu sein. Am verlässlichsten liest sich eine Notiz, wenn man die Struktur-Wörter ernst nimmt und die Aromen-Wörter als Richtung versteht.

Warum derselbe Wein verschieden klingt

Zwei Menschen beschreiben dieselbe Flasche oft ganz unterschiedlich, und das ist kein Widerspruch, sondern liegt in der Natur eines geteilten, aber ungenauen Vokabulars. „Mineralisch“ ist dafür das bekannteste Beispiel: Fast jeder benutzt das Wort, kaum zwei meinen dasselbe damit, und was es sensorisch genau bezeichnet, ist bis heute ungeklärt. Ähnliches gilt für „samtig“ oder „saftig“, die eher ein Gefühl als eine Eigenschaft benennen. Dazu kommt, dass jeder Verkoster ein anderes Geschmacksgedächtnis mitbringt — wer viele gereifte Bordeaux kennt, notiert „Leder“ oder „Unterholz“ dort, wo ein anderer nur „würzig“ schreibt. Eine Notiz ist deshalb die Karte eines einzelnen Menschen von einem einzelnen Glas und keine feststehende Eigenschaft des Weins. Wertlos macht sie das nicht; es heißt nur, dass man sie neben den eigenen Eindruck legt, statt ihn ihr unterzuordnen.

Wie man eine Notiz für sich liest

Für die Frage, ob ein Wein zum Abend passt, tragen die Struktur-Wörter am weitesten: Ein Wein mit viel Gerbstoff und langem Nachklang steht neben kräftigem Essen anders da als ein leichter, frischer. Die Aromen-Beschreibung nimmt man am besten als Einladung, im eigenen Glas nachzuspüren, und nicht als Prüfungsantwort, die stimmen muss; ob man die „reife Kirsche“ wiederfindet, sagt mehr über die eigene Nase als über die Güte des Weins. Und die Zahl, die manche Notiz begleitet, ist noch einmal eine eigene Sache mit eigenen Grenzen. Wer eine Beschreibung so liest, verliert die Scheu vor der Weinsprache: Sie ist kein Geheimcode, sondern der Versuch, einen flüchtigen Eindruck in Worten festzuhalten.

Wie wir selbst beschreiben

Bei LaSuite aux Conseillans schreiben wir unsere eigenen Notizen zurückhaltend. Wir beschreiben lieber, wo ein Wein in seiner Reife steht und was ihn im Moment trägt, als ihm ein Urteil voranzustellen, das die eigene Erfahrung ersetzen soll. Eine Beschreibung hat ihre Aufgabe erfüllt, wenn sie beim Entscheiden hilft und neugierig macht. Am ehrlichsten ist eine Notiz dort, wo sie offenlässt, was sich mit Worten nicht ganz fassen lässt — und den letzten Eindruck dem überlässt, der das Glas in der Hand hält.

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