KELLER & HANDWERK

Abstich (Soutirage)

Beim Abstich – französisch soutirage – zieht man den klaren Wein vom Bodensatz aus Hefe und Trub ab, der sich im Gefäß abgesetzt hat. Das klärt den Wein, ist aber mehr als bloße Reinigung: Jeder Abstich verändert auch, wie viel Sauerstoff der Wein bekommt und in welchem Milieu er weiterreift.

Soutirage ist deshalb weniger Routine als Steuerung – sie kann Stabilität fördern oder Unruhe erzeugen, je nach Zeitpunkt und Maß.

Mit der Trennung vom Trub ändert sich die chemische und mikrobiologische Umgebung des Weins. Was vorher von der Hefe gepuffert oder gebunden wurde, verteilt sich neu. Der Wein wird nicht nur klarer, sondern auch exponierter.

Mehr als Klären

Ein verbreitetes Missverständnis sieht im Abstich einen geradlinigen Fortschritt: mehr Klarheit gleich mehr Qualität. So einfach ist es nicht. Gerade früh kann ein Abstich Struktur freilegen, bevor sie getragen ist – der Wein wirkt dann präziser, aber auch fragiler. Klarheit ist eben nicht nur optisch; ein Wein ist nicht dann stimmig, wenn er blank ist, sondern wenn er zusammenhängend wirkt.

Die Rolle des Sauerstoffs

Ein Abstich bringt fast immer etwas Sauerstoff ein – nicht als Ziel, sondern als Nebenwirkung. Entscheidend ist nicht, ob Sauerstoff eintritt, sondern wie viel und wann. In Maßen kann er Spannungen ordnen und reduktive, also etwa nach gekochtem Ei oder Zwiebel riechende Noten vertreiben. Im Übermaß kann er verdeckte Schwächen beschleunigen. Beim Abstich wird häufig auch der Schwefelschutz nachgestellt, um den Wein in der neuen, offeneren Lage abzusichern.

Wie oft abgestochen wird, hängt vom Weintyp ab. Rotweine vertragen und brauchen meist mehr Sauerstoff und werden häufiger abgezogen, was das Tannin runder macht; viele Weißweine bleiben dagegen bewusst länger auf der Feinhefe und werden seltener bewegt. Und es macht einen Unterschied, wie abgestochen wird: Erfolgt der Abstich unter Luftabschluss, etwa unter Schutzgas, lässt sich der Sauerstoffeintrag fast vollständig vermeiden; ein offener Abstich bringt bewusst Luft ein. Auch das richtet sich nach dem Ziel.

Zu früh, zu spät

Beide Richtungen tragen Risiken. Ein zu später Abstich, bei dem der Wein lange auf der Hefe liegt, kann Unruhe fördern oder – wenn das Milieu kippt – reduktive Noten festsetzen. Auch hier ist Zeit kein Automatismus, sondern eine Bedingung, die beobachtet werden will. Der richtige Moment richtet sich nach dem Zustand des Weins, nicht nach dem Kalender.

Wie wir das verstehen

Für uns ist der Abstich damit ein Eingriff in den Entwicklungsverlauf, kein Putzschritt: eingreifen, wo ein Milieu seine Aufgabe erfüllt hat, und zurückhalten, wo die Zeit die bessere Arbeit leistet. Er trennt, um eine neue Ruhe zu ermöglichen – oder um Probleme sichtbar zu machen, solange sie noch korrigierbar sind.