ANWENDUNG & KONTEXT

Weinfehler erkennen

Eine Flasche ist geöffnet, das erste Glas eingeschenkt, und irgendetwas stimmt nicht. Der Wein riecht dumpf, oder streng, oder nach etwas, das sich nicht sofort benennen lässt. In diesem Moment steht seltener die Frage im Raum, was genau mit dem Wein geschehen ist, als eine schlichtere: Ist das ein Fehler – oder schmeckt der Wein nur anders, als man erwartet hat? Beides fühlt sich im ersten Augenblick gleich an und führt doch zu ganz verschiedenen Entscheidungen.

Der Fehler, bei dem es keine zwei Meinungen gibt

Der eindeutigste Weinfehler ist zugleich der einzige, der niemandem am Tisch etwas über die Arbeit im Keller verrät: der Korkschmecker. Verantwortlich ist meist eine Verbindung namens 2,4,6-Trichloranisol, die im Korken selbst entsteht und schon in winzigen Mengen wahrnehmbar ist. Sie riecht nach feuchtem Keller, nassem Karton oder muffigem Holz und legt sich zugleich wie ein Schleier über die Frucht, sodass der Wein nicht nur streng, sondern auch seltsam stumm wirkt. Entscheidend ist, dass dieser Fehler zur einzelnen Flasche gehört und nicht zum Wein: Die nächste Flasche desselben Jahrgangs kann vollkommen makellos sein. Wer einen korkigen Wein erwischt, hat allen Grund, ihn zurückzugeben, und keinen, am Gut zu zweifeln.

Was mit Luft verschwindet – und was bleibt

Zwei häufige Fehlnoten sehen sich zum Verwechseln ähnlich und verlangen doch das Gegenteil voneinander. Ein reduktiver Ton – von faulen Eiern über gekochten Kohl bis zum abgebrannten Streichholz – entsteht, wenn dem Wein während der Reifung Sauerstoff gefehlt hat. Er ist oft flüchtig: Schon kräftiges Schwenken oder das Dekantieren lässt ihn in wenigen Minuten verfliegen, und was übrig bleibt, ist der eigentliche Wein. Der Essigstich dagegen, eine Note von Essig oder Nagellackentferner, stammt von Bakterien, die unter Luftzufuhr gearbeitet haben – und genau deshalb hilft hier keine Luft: Die Note tritt mit jeder Minute stärker hervor. Die praktische Entscheidung hängt also nicht am Geruch selbst, sondern an seinem Verhalten. Ein Ton, der sich mit Zeit und Sauerstoff auflöst, kam von einem verschlossenen Wein; einer, der schärfer wird, von einem fehlerhaften.

Wenn gereift wie hinüber aussieht

Schwieriger wird es dort, wo ein Fehler und ein Reifezustand dieselben Zeichen tragen. Ein oxidierter Wein hat seine Frucht verloren, wirkt flach und erinnert im Ton an Sherry oder braune Äpfel; im Glas zeigt er oft einen matten, ins Bräunliche gehenden Rand. Dieselben Merkmale können aber auch zu einem gereiften Wein gehören, dessen Kern noch trägt – dann sind sie kein Verfall, sondern das, was man von langer Reife erhofft. Der Unterschied liegt selten im einzelnen Merkmal, sondern darin, ob hinter den tertiären Tönen noch Frische steht oder nur Müdigkeit. Wo Reife und Alter auseinanderlaufen, entscheidet sich, ob eine Flasche zu lange gelegen hat oder gerade richtig geöffnet wurde.

Kein Fehler: der Wein, der nur nicht gefällt

Die häufigste Verwechslung ist zugleich die harmloseste. Ein Wein, der herb, karg oder verschlossen wirkt, ist meist kein Fehler, sondern zu jung geöffnet – ihm fehlt nicht die Güte, sondern die Zeit. Und ein einwandfrei gemachter Wein, der trotzdem nicht gefällt, ist überhaupt kein Fall für die Fehlersuche, denn Geschmack ist kein Mangel. Ein Fehler bleibt eine ungewollte Abweichung; ein Wein, der anders ist als der eigene Geschmack, ist keine. Für uns folgt daraus eine einfache Haltung: Lieber gibt jemand eine zweifelhafte Flasche zurück, als an einem ganzen Jahrgang zu zweifeln. Einen Wein lesen zu lernen heißt am Ende vor allem, seinen Zustand von seinem Charakter zu unterscheiden – und zu erkennen, wann das eine mit dem anderen gar nichts zu tun hat.

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