NATUR & TERROIR

Weißwein aus Bordeaux

Die weißen Trauben kommen zuerst herein, oft noch im Dunkeln, und zwischen der Entscheidung und der Lese liegen selten mehr als ein paar Tage. Weißwein ist im Bordelais die Ausnahme; die Region ist für ihre Rotweine bekannt, und die Rebfläche ist entsprechend verteilt. Wer hier trotzdem weiß arbeitet, tut es unter anderen Bedingungen als nebenan im roten Keller: Das Zeitfenster ist kürzer, ein Fehler lässt sich schlechter beheben, und das meiste, was über den späteren Wein entscheidet, ist erledigt, bevor der Most überhaupt in seinem Gefäß steht.

Das Lesefenster ist eine Frage von Tagen

Bei den roten Sorten wartet man auf die Reife von Kernen und Schalen, und diese Entwicklung zieht sich über Wochen; ein Regentag verschiebt sie, ohne sie zu beenden. Beim Weißwein liegt der Maßstab woanders. In den letzten Tagen vor der Lese verliert der Most Säure, und zwar schnell genug, dass ein paar warme Tage darüber entscheiden, wie viel Spannung im späteren Wein steckt. Wer eine Woche zu spät liest, bekommt einen breiten, weichen Wein, dem im Keller nichts mehr aufhilft. Deshalb wird bei Weiß in kleineren Einheiten gelesen als bei Rot, häufig in den frühen Morgenstunden, damit die Trauben kühl in die Presse kommen.

Sauerstoff entscheidet, bevor die Gärung beginnt

Rotwein entsteht auf der Maische und ist von Anfang an durch Farbstoffe und Gerbstoff gepolstert; er verträgt Luft. Weißmost hat diesen Schutz nicht. Zwischen Presse und Behälter liegen wenige Stunden, in denen sich entscheidet, welche Aromen später überhaupt noch vorhanden sein können, und jeder unnötige Kontakt mit Luft kostet etwas, das nicht zurückzuholen ist. Daher kommen im Weißwein-Keller ganze Trauben in die Presse statt gequetschter Beeren, daher wird langsam gepresst, und daher geht der Most gekühlt und ohne Umweg weiter.

Was danach kommt, ist Feinarbeit

Erst dann beginnt, was viele für die eigentliche Arbeit halten: die Wahl des Ausbaugefäßes und die Frage, wie lange der Wein auf seiner Hefe liegt. Beides formt vor allem die Textur — ob ein Weißwein schlank und gerade bleibt oder ob er Breite und Griff bekommt. Es ist wichtige Arbeit, aber sie arbeitet an einer Substanz, die im September schon feststand.

Das Missverständnis mit dem Alter

Weißwein aus Bordeaux gilt vielen als etwas, das man im Jahr nach der Abfüllung austrinkt. Das trifft auf einen Teil zu und auf einen anderen überhaupt nicht: Wo Säure und Extrakt stimmen, vertragen diese Weine Jahre, und sie gewinnen dabei an Ruhe, was sie an Frucht abgeben. Unser Louré ist reiner Sauvignon Blanc, 1.211 Flaschen, vinifiziert in einer ovalen Ton-Amphore mit einem kleinen Anteil Barrique und über viele Monate auf der Hefe gereift. Sein Trinkfenster haben wir mit 2026 bis 2040 angesetzt — vierzehn Jahre für eine Sorte, die als Wein für den schnellen Genuss gilt. Er trägt den Namen eines Satzes aus Bachs dritter Partita; in der Suite von LaSuite aux Conseillans ist er der Wein für den Tisch, nicht für den Aperitif.

Warum Weiß in Bordeaux die kleinere Menge bleibt, hat viele Gründe — Geschichte, Markt, die Verteilung der Flächen. Einer davon ist schlicht, dass ein Weißwein in wenigen Septembertagen entschieden wird und danach kaum noch zu retten ist. Die Rotweine der Region verzeihen einen Umweg und holen ihn über die Jahre wieder ein; ein Weißer führt ihn im Glas mit, so lange es ihn gibt. Das macht ihn zu einer ziemlich verlässlichen Auskunft darüber, wie genau in einem Keller gearbeitet wird.

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