IDENTITÄT & PRINZIP

Second Wine vs Cuvee Selektion

Ein Second Wine — auf Deutsch Zweitwein — ist in Bordeaux der zweite Wein eines Guts: Er entsteht aus Partien, die nicht in den Hauptwein, den Grand Vin, einfließen. Das ist eine Frage der Selektion, nicht der Güteklasse. Bei uns gibt es diese Zweiteilung bewusst nicht; wir denken unsere Cuvées als gleichwertige Sätze einer Suite.

Woher der Zweitwein kommt

Die Idee entstand im 18. Jahrhundert: Ein Gut wollte strenger auswählen, welche Fässer in seinen Hauptwein kommen, ohne den Rest zu verwerfen. Was nicht ins Profil des Grand Vin passte — jüngere Reben, eine Parzelle, die in diesem Jahr nicht überzeugte, ein Fass mit anderem Charakter —, wurde zu einem eigenen Wein gebündelt. Weit verbreitet wurde das in den 1980er-Jahren, als die Preise der großen Güter stiegen und ein zweiter Wein zugleich als günstigerer Einstieg zum Namen diente. Bekannte Beispiele sind Les Forts de Latour, der zweite Wein von Château Latour (erstmals 1966), und Pavillon Rouge von Château Margaux, der seit 1906 als Zweitwein geführt wird.

Selektion ist keine Abwertung

Der häufigste Irrtum ist, einen Zweitwein als den schlechteren Wein zu lesen. Tatsächlich trennt die Selektion nicht gut von schlecht, sondern passend von anders. Ein Zweitwein ist oft früher zugänglich, weil er weniger auf lange Reife angelegt ist — das ist eine Folge der Auswahl, kein Automatismus. Seine Stärke liegt häufig in Klarheit und Trinkfluss, nicht im Gewicht.

Warum wir anders denken

Die Logik von Erst- und Zweitwein ist eine alte und sinnvolle Tradition, der viele Häuser folgen. Wir gehen einen anderen Weg. Unsere Weine stehen nicht in einer Rangordnung, sondern nebeneinander, jeder ein eigener Satz im selben Werk, mit eigener Stimme und eigenem Platz. Wenn wir unterscheiden, dann über Preis und Charakter, nicht über besser und weniger gut. Wie diese Reihung als Suite gedacht ist, lässt sich an der ganzen Cuvée-Familie ablesen.

Selektion bei uns — der Mut zur Lücke

Auswahl spielt trotzdem eine große Rolle, nur an anderer Stelle. Sie beginnt parzellengenau im Weinberg — bei der Selektion im Weinberg und der Frage, welche Parzellen getrennt bleiben — und sie reicht bis zur Entscheidung, eine Cuvée in einem schwachen Jahr gar nicht erst zu erzeugen, statt sie zu verwässern. Diese Bereitschaft, in manchen Jahrgängen zu verzichten, ist in Bordeaux selten und für uns die ehrlichere Form der Auswahl.

Ob ein Wein als Zweitwein, als eigener Satz oder als verzichtete Cuvée endet, ändert nichts an der eigentlichen Frage: ob er für sich stehen kann. Daran misst sich Selektion, nicht am Abstand zu einem anderen Wein.