Die Klassifikationen des Bordeaux
Eine Bordeaux-Klassifikation bewertet ein Gut, nicht die Flasche, die man vor sich hat. Und dasselbe Wort auf dem Etikett kann zwei sehr verschiedene Dinge bedeuten: im Médoc eine Rangfolge, die 1855 aufgestellt wurde und seither am Namen des Gutes hängt, in Saint-Émilion dagegen eine Prüfung, die im Lastenheft der Appellation vorgesehen ist, alle zehn Jahre neu erhoben wird und für die sich ein Eigentümer mit einem Dossier bewerben muss. Wer weiß, welcher der beiden Mechanismen hinter einem „classé“ steckt, liest ein Etikett anders.
Zwei Wege, klassifiziert zu werden
Die Liste von Saint-Émilion ist der beweglichere der beiden Fälle. Sie ist im Lastenheft der Appellation vorgesehen, existiert seit 1955, ist alle zehn Jahre revidierbar und wird vom Institut national de l’origine et de la qualité geführt. Wer aufgenommen werden will, holt ein Kandidaturdossier ab, zahlt die Verfahrensgebühr und reicht es bis zu einer Frist ein. Dass daran nichts formal ist, zeigt der Vergleich zweier Erhebungen: 2012 standen 18 Häuser in der oberen Stufe der „premiers grands crus classés“ und 64 in der Stufe darunter, in der Erhebung von 2022 sind es 14 und 71. Ein Rang, den man alle zehn Jahre neu erhält, kann sich also verschieben — und man kann ihn auch schlicht nicht mehr beantragen.
Im Médoc verhält es sich umgekehrt. Dort wurde 1855 einmal eine Rangfolge aufgestellt, und sie steht bis heute; ein Bewerbungsverfahren gibt es dafür nicht. Was diese Liste ursprünglich abbildete und was eine solche Einordnung über den aktuellen Jahrgang aussagt, steht bei uns an anderer Stelle: was die üblichen Anhaltspunkte bei der Auswahl leisten. Neben ihr bestehen in der Region weitere Listen, etwa die der Crus Bourgeois und die der Graves.
Was tatsächlich in die Note eingeht
Aufschlussreich ist, woraus sich so eine Bewertung zusammensetzt. Das Regelwerk in Saint-Émilion nennt vier Kriterien. Das erste und mit fünfzig Prozent der Endnote gewichtigste ist die Qualität und die Konstanz der Weine, geprüft an Proben. Das zweite ist eine Untersuchung des Rufs des Betriebs. Das dritte beschreibt den Betrieb selbst, unter anderem über seine Flächenbasis, das vierte seine Führung im Weinberg und im Keller.
Die Hälfte der Note kommt damit aus dem Glas, die andere Hälfte aus allem, was ein Haus über Jahrzehnte aufgebaut hat. Das ist kein Mangel des Verfahrens, denn Konstanz über zehn oder fünfzehn Jahrgänge ist schwer zu erreichen und eine ehrliche Auskunft. Sie beantwortet nur eine andere Frage als die, mit der jemand vor dem Regal steht.
Woran ein Rang eigentlich hängt
Der Unterschied zur Herkunftsbezeichnung wird dabei leicht übersehen. Eine Appellation ist kartiert, sie gilt für eine Fläche. Eine Klassifikation gilt für ein Gut, also für einen Namen — und ein Name kann Parzellen dazukaufen und abgeben, ohne dass sich an seiner Einordnung etwas ändert. Zuverlässig sagt eine Klassifikation deshalb etwas über die Geschichte eines Hauses und nur mittelbar etwas über den Boden, auf dem die Trauben des Jahrgangs gewachsen sind, den man gerade trinkt. Wer wissen will, was in der Flasche ist, landet schnell eine Ebene tiefer, bei der einzelnen Parzelle.
Wie wir Qualität ordnen
Unsere Weine stehen in keiner dieser Listen, und wir arbeiten nicht darauf hin. Bei LaSuite aux Conseillans ordnen wir sie nicht in Rängen, sondern als Sätze einer Suite — gleichwertige Stimmen mit je eigenem Charakter. Auf fünf Hektar Reben bewirtschaften wir sechzehn Parzellen und vinifizieren sie einzeln, bevor wir entscheiden, was zusammengehört; das ist die Auflösung, in der sich Qualität bei uns überhaupt beurteilen lässt. Die eine Auskunft, die keine Liste gibt, geben wir selbst: ob ein Wein jetzt trinkreif ist. Wir stellen ihn erst dann in den Verkauf, und das Reiferisiko der Jahre davor bleibt im Keller, nicht beim Käufer.