Weinbewertungen und Punkte
Zwei Flaschen stehen nebeneinander im Regal, die eine mit 92 Punkten ausgezeichnet, die andere mit 95, und für einen Augenblick scheint die Wahl schon getroffen. Eine Zahl verspricht, was beim Wein sonst schwer zu bekommen ist: einen klaren, schnellen Vergleich. Doch ein Kritiker-Score ist die gerundete Einschätzung eines Menschen zu einem Zeitpunkt, kein gemessener Wert des Weins — und ausgerechnet die Frage, die man vor dem Regal wirklich hat, beantwortet er nicht.
Was eine Zahl leisten kann
Ein Score ist darum keine leere Behauptung. Hinter einer ernsthaften Bewertung steht ein erfahrener Verkoster, der Hunderte Weine derselben Art im Gedächtnis hat, sie unter vergleichbaren Bedingungen probiert und sein Urteil begründen kann. Eine solche Zahl gibt Orientierung, wo niemand die Zeit hat, alles selbst zu öffnen; sie lenkt den Blick auf einen Wein, der ihn verdient, und macht aus einem unübersichtlichen Angebot eine überschaubare Auswahl. Wer einem Kritiker über Jahre gefolgt ist und dessen Geschmack einzuschätzen gelernt hat, hält mit dem Score einen brauchbaren Kompass in der Hand. Als Hinweis eines Kenners ist er ehrliche Arbeit, und ihn geringzuschätzen wäre so töricht, wie ihm blind zu vertrauen.
Was in der Zahl verschwindet
Was die Zahl nicht mehr zeigt, ist all das, was sie überhaupt zu einer Zahl gemacht hat. Ein Score verrät selten, wer da verkostet hat, an welchem Tag, an welcher Stelle einer langen Reihe und in welcher Verfassung — und dass eine andere Person am selben Wein zu einer anderen Zahl käme. Die verbreitete Hundert-Punkte-Skala legt zudem nahe, Bewertungen ließen sich untereinander vergleichen, während dieselbe Punktzahl bei zwei Kritikern Verschiedenes bedeuten kann. Vor allem aber beschreibt ein Score eine Probe zu einem einzigen Zeitpunkt, nicht die Flasche, die Jahre später am Tisch geöffnet wird. Der Wein ist auf seiner Reifekurve inzwischen weitergezogen, die Zahl dagegen stehen geblieben. Ob ein Wein heute im Glas etwas taugt, hängt an seinem Zustand und daran, wann er zu trinken ist, nicht an einer Punktzahl.
Die Entscheidung am Regal
Brauchbar wird ein Score, sobald man ihn als eine Stimme unter mehreren nimmt und nicht als Schiedsspruch. Er taugt besser zum Entdecken als zum Rangordnen: als Anlass, einen Wein näher anzusehen, dessen Herkunft, Jahrgang und Machart dann die eigentliche Auskunft geben. Was eine Zahl grundsätzlich nicht leisten kann, ist die Antwort auf das, worauf es vor dem Regal wirklich ankommt — ob dieser Wein gerade jetzt trinkbereit ist, ob er zum Essen und zum Anlass passt, und ob der eigene Gaumen dem fremden Urteil überhaupt folgt. Diese Antworten trägt kein Punktwert; sie entstehen erst, wenn die Flasche offen ist und der Wein sich im eigenen Glas erklärt, und sie gelten dann für einen Abend und einen Menschen, nicht für eine Skala.
Warum wir keine Rangfolge führen
Wie wenig eine einzelne Zahl über einen Wein sagt, zeigt sich am eigenen Haus. Die Weine von LaSuite aux Conseillans sind als Suite gedacht, als Folge gleichwertiger Sätze mit je eigenem Platz, nicht als Rangliste — schon deshalb wäre es uns fremd, sie nach einer Punktzahl zu ordnen. Aus demselben Grund geben wir jeden Wein erst dann heraus, wenn er trinkreif ist, weil der Zustand im Glas mehr über ihn sagt als jede Zahl. Und es liegt eine leise Ironie darin: Dieser Ort hat im Erbe von Jean Ribéreau-Gayon, einem der Begründer der modernen Önologie, mit daran gearbeitet, Wein überhaupt messbar zu machen — und weiß gerade deshalb, wo das Messen endet und das Urteil beginnt. Ein Score ist ein Urteil im Gewand einer Messung. Er kann ein Gespräch eröffnen, das ohne ihn vielleicht nie begonnen hätte; ob ein Wein der richtige ist, entscheidet am Ende aber der Schluck, für den er geworben hat.